Tavern Talk Recap: Ist Diablo 3 ein Casual Game?

Patch 2.2 ist gut!

Ich habe mir mit großen Erwartungen den "Tavern Talk" zu Diablo 3 angeschaut. Die 3 Game Designer Wyatt Cheng, Travis Day und John Yang haben den Patch 2.2 (welcher sich gerade auf dem PTR befindet) und die kommende Season 3 durchgesprochen, Entscheidungen erklärt und diskutiert und sich den Fragen der knapp 10.000 Zuschauer gestellt.

Ich persönlich hatte mit Patch 2.2 endlich wieder das Gefühl von Hoffnung für D3. Die Änderungen, die an den Sets gemacht wurden sind klasse und bringen endlich etwas mehr Abwechslung ins Spiel. Ich hatte das Gefühl Blizzard lenkt D3 endlich wieder etwas mehr in die richtige Richtung.

Diablo soll ein Casual Game sein

Der Talk gestern hat mich allerdings wieder zurück in die kalte Realität geschubst.
"Who cares about the leaderboards?" - Das hat Wyatt Cheng so wortwörtlich gesagt!
WTF? "Wen interessieren die leaderboards?" Ernsthaft?
Ich glaube keiner der ca. 10.000 Leute die an diesem Abend live zugeschaut haben konnte glauben was Wyatt da von sich gegeben hat. Glaubt er das sind tatsächlich die "Casual Gamer" die ihm da bei Twitch zuschauen? Zehntausend Leute die sich eine 1,5 Stunden "Show" anschauen wo nur über Spiel-Design und Spiel-Mechaniken diskutiert wird sind vermutlich die "Casuals", oder? Wieso macht er so eine Aussage vor so einem Publikum?

Warum will Blizzard (allen vorran Wyatt Cheng) unbedingt Diablo 3 in die Casual Ecke drängen? Ich verstehe es nicht!
Welche Diablo 3 Streamer und Youtube Kanäle haben die meisten Follower und Views? Das sind Channels mit Guides, Tipps und hohen Greater Rift Runs, von Spielern, die das Spiel bis zum Umfallen spielen, jeden kleinen Trick und Kniff in dem Spiel kennen und sich gegenseitig pushen um immer höhere GRs zu schaffen, schneller zu farmen und besser zu sein als der nächste Konkurrent.
Das ist auch das was meiner Meinung nach ein gutes ARPG ausmacht! Ich beschreibe es mal etwas spitzfindig: Es ist eine Jäger/Sammler-Simulation. Bist du der beste Jäger/Sammler, dann bist du was! Die größte Motivation das Spiel überhaupt zu spielen ist eben der "Schwanzvergleich" in den Leaderboards.

Was macht ein gutes ARPG aus?

(Gute) Action RPGs sind von der Natur der Sache her keine "Casual Games". Das ist es worum es bei diesen Spielen geht! So viel und effizient wie möglich zu farmen um schwereren Content besser zu schaffen als alle anderen. Man will den besten Charakter von allen haben, man will ihn am besten steuern können (man will den besten "Skill" haben) und man will sich mit anderen messen!

Leaderboards! Leaderboards, Leaderboards! LEADERBOARDS! Das ist ALLES worum es geht! Wozu spielt man das Spiel denn bitte? Was ist das große Ziel?
Ich hatte die Hoffnung, dass Blizzard die Greater Rifts eingeführt hat mit dem Verständnis im Hinterkopf: "Wir brauchen besseres Endgame! Wir brauchen Ziele auf die die Spieler hinarbeiten können! Wir brauchen ein System mit dem sich die Spieler messen können! Njaaaaa, es ist noch nicht perfekt, aber es ist ein Anfang!"

Es gibt kein vernünftiges PvP und es gibt kein PvPvE (was auch schon häufig von der Community angefragt worden ist). Die einzige Möglichkeit uns zu messen sind die Greater Rifts und die damit verbundenen Leaderboards.

"The devs want to celebrate each player's journey." heißt es in dem Transkript zu der Show. Jeder einzelne Spieler soll stolz auf seine persönliche Leistung sein können...
Ja, von mir aus ... klar. Jeder soll sich so groß feiern wie er will wenn er seine erste Greater Rift 10 abschließt! Lad deine Freunde zu 'nem Prosecco ein und lass es krachen!

Wenn ich mich allerdings nicht mit anderen messen kann, dann wird mir ein Spiel viel zu schnell viel zu langweilig (wenn es keine anderen "Incentives" hat - wie z.B. eine sehr packende Story von der man wissen möchte wie sie ausgeht).

Blizzard hört uns zu und verpasst uns dann doch eine Backpfeife

Ständig wird in den Foren rumgeheult, jeder Streamer/Youtuber sagt es, alle wollen es: mehr Endgame, mehr kompetitives Gameplay.

Blizzard sagt, sie hören uns zu - geben sogar zu, dass sie viele ihrer Ideen direkt aus den Foren/Reddit/wo auch immer her haben.

"Who cares about leaderboards?" ... der Satz geht mir nicht aus dem Kopf.
Anscheinend ist es bei bestimmten Themen Blizzard völlig egal was die Community möchte.

Anscheinend sitzen im Design-Team ein Haufen von "Casuals", die sich ihr eigenes, kleines Casual Diablo 3 zusammen basteln wollen, in dem sie sich selber feiern können wenn sie die nächste Greater Rift geschafft haben.

Wyatt Cheng meinte er hat "schon 2000" Blutsplitter in Rüstungen investiert und noch immer nicht seine Jadeernter-Brust bekommen. Boo-Hoo! 2000 Splitter? Das farmt man EASY an einem Abend! Und das sollte er als Lead-Designer auch wissen!

Wyatt Cheng und Travis Day haben sich gestern Nacht nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
"Wie hieß das Set noch mal?", "Was macht das noch mal genau?" - die beiden waren komplett unvorbereitet und haben den Eindruck erweckt, dass sie selber kaum wissen was in ihrem Spiel ab geht, wie das momentane "Meta-Game" abläuft.

Der dritte im Bunde, John Yang, war dagegen der kleine Hoffnungsschimmer. Er kannte MVPs aus den Foren, ging gut auf die Fragen ein und hat kompetent geantwortet. Man hatte das Gefühl er spielt das Spiel selber und weiß wovon er spricht.

Er hat sogar so einen guten Eindruck bei der Community hinterlassen, dass der Hashtag #PromoteJohnYang nun durch das Internet geistert.

Wohin geht die Reise?

Ich kann nur hoffen, dass Wyatt und Travis schon an der nächsten Expansion sitzen oder an ganz anderen Themen arbeiten, die wenig mit Patch 2.2 zu tun haben. Trotzdem erklärt es sich mir nicht, wie man sich so unvorbereitet auf eine Bühne mit ~10.000 Zuschauern traut.

Wyatt hat ganz klar gesagt, er will "die eigene Reise eines jeden Spielers zelebrieren". Also, übersetzt heißt das für mich er will Diablo 3 so casual wie möglich machen.

Demnächst wird in China der nächste Diablo-Realm aufgemacht! Vermutlich wird das Spiel dort Free-2-Play sein und im großen Maße beeinflussen wie sich das Spiel auch hierzulande weiter entwickeln wird.

Ich bin immer noch sehr gespannt wo die Reise hin geht, aber ich bin auch ein bisschen skeptisch ob (für mich und ähnliche Spieler) die richtigen Entscheidungen bei Blizzard getroffen werden.

Sicher ist allerdings, dass ich hier und auf meinem Youtube-Kanal weiter über diese Reise berichten werde. Vielleicht habt ihr ja lust dabei zu sein.